So habe ich das Messer geschärft

Begonnen von alvaro, 12. März 2020, 14:05:40

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DailyDriver

#615
Zitat von: MRetro in Heute um 13:32:15Hallo @DailyDriver.

Ich habe mir nochmal deine letzten beiden Berichte durchgelesen und es kam mir wieder eine Frage hoch.

Mein Verständnis wäre im Moment so, dass bei der Nagura-Progression mit den weicheren Nagura-Steinen tatsächlich das Schleifmittel angesetzt wird, während der Basisstein eher nur die Arbeitsfläche bildet und weniger zur Körnung des Schleifmittels beiträgt.
Das ist bei der herkömmlichen japanischen ,,Nagura-Progression" richtig, zwar trägt der Basisstein auch zur Progression bei, denn während des Schärfens werden ja aufgrund der mechanischen ,,Belastung" selbstverständlich auch Schleifpartikel vom Basisstein abgelöst und vermischen sich mit den Partikeln, die vom Nagura stammen. Je nach Härte des Basissteins sind es mehr oder weniger und wirken sich je nach Struktur des Basissteins auf die eigentliche Progression aus. Wie ich ja in einem Bericht dazu geschrieben hatte, kann z.B. bei einem weicheren Stein wie der Nakayama Asagi eine Beschleunigung des Gesamtvorgangs eintreten. Andererseits darf man aber nicht vergessen, dass im Gegensatz zu europäischen Steinen, sich die Schleifpartikel japanischer Steine immer weiter zerkleinern und somit immer feiner werden. Bei europäischen Steinen geht dies nur bis zu einem bestimmten Punkt, dann werden die Schleifpartikel nicht mehr kleiner, dies hat geologische Gründe und ist in den Bestandteilen des Gesteins in seiner Entstehung geschuldet.
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,Bei der Schärfung mit Wasser- oder Ölsteinen wäre mein Verständnis, dass das Wasser oder Wassergemische und das Öl eher als Gleitmittel dienen, damit man nicht auf dem trockenen Stein ,,herumkratzt". Letzteres würde m.E. auch zu einem ,,unkontrollierteren" Auslösen von Schleifpartikeln führen, was einem gleichmäßigen Schleifbild abkömmlich wäre.'
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So gesehen richtig, natürlich sollte man hier aber das ,,Zusammenspiel" von Stein und Schleifmittel (hier Wasser oder Öl) achten. Für beides gilt ja, dass einerseits abgelöste Partikel quasi aufgenommen werden und somit ein zusetzen der Steinmatrix verhindert wird. Die eigentliche ,,Arbeit" des Steins wird ja durch die härteren oder auch weicheren Partikel/Bestandteile gemacht, die sich in der Matrix, also dem Gesamtgefüge des Steinsbefinden. Wenn man nun diese Partikel vorher bewußt freisetzt bzw. aus der Matrix herauslöst, nichts anderes geschieht ja durch das sog. ,,anreiben", dann wirken diese Partikel die sich nun im Wasser/Öl befinden, als zusätzliches Schleifmittel und können, genau wie bei der japanischen Progression einen nicht unerheblichen Einfluß auf die Eigenschaften des eigentlichen Schärfsteines haben. Nehmen wir als Beispiel einen originalen Thüringer Schärfstein, hier mal den heiligen Gral, einen ESCHER. In seiner Qualität mit das feinste, das es gibt, eines der besten Finisher, die es gab und gibt. Allerdings eignet sich der Stein aber aufgrund genau seiner herausragenden Feinheit nicht unbedingt für's Grobe, z.B. das Setzen einer Facette (Grundschliff der Schneidkannte), ginge zwar auch, dauert aber ewig. So empfiehlt bzw. beschreibt der Hersteller ESCHER auf seinen Steinen, dass selbiger angerieben werden soll, damit solche ,,gröberen" Arbeiten dennoch möglich ist.
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,Vorausgesetzt mein Verständnis vom ,,Gleitmittel" in der ,,westlichen" Schärfung ist korrekt, dann erreicht man also abhängig von der Viskosität des Gleitmittels (also der ,,Dicke" des Gleitfilms) auf dem gleichen Stein ein unterschiedlich grobes oder feines Schleifbild an der Schneide.'
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Ich denke, dass dies völlig korrekt ist, das deckt sich zu 100% mit meinen bisherigen, bescheidenen Erfahrungen. Wenn ich beispielsweise einen reinen Ölstein mit Wasser betreibe, geht dies mit Sicherheit auch, wird bzw.. ist aber um einiges gröber als mit dem empfohlenen Öl. Einerseits fehlt die verbesserte Gleitwirkung aufgrund der Viskosität von Ölen, andererseits verdunstet auch das Wasser während des Schärfens, somit wird also nicht nur die Gleitwirkung aufgrund der fehlenden Viskosität weniger, sondern auch, weil es immer weniger ,,Schmier- bzw. Gleitmittel" als solche gibt. Weiterhin muss man sich auch über die generellen Unterschiede von Wasser- und Ölsteinen Gedanken machen.

Wassersteine sind im Normalfall weicher gebunden (Matrix) als Ölsteine, auch sind Ölsteine neben ihrer zum Teil enormen Härte (z.B. der amerikanische Hard-Arkansas) oft feiner als Wassersteine. Dies ist in der Geologie begründet, so sind Ölsteine z.B aus NOVACULIT-Gestein, d.h. einem Quartz-Gestein mit einem extrem harten, sehr feinen Gefüge, Wassersteine, wie z.B. die Thüringer Schärfsteine sind dagegen aus einem Schiefergestein, viel weicher und auch gröber. Es gibt aber auch Schärfsteine, die quasi beides besitzen, ein gutes Beispiel wäre z.B. ein sog. GELBER BELGISCHER BROCKEN (Citicule), dieser Stein hat zwar eine schieferähnoiche Matrix, selbige beinhaltet aber sog. Granate, daher wird der GBB auch als ,,quarzitisvhe Schiefer" genannt. Diese Granate sind härter als Stahl und so hat ein GBB einerseits eine abrassive, andererseits aufgrund seiner Schieferähnlichen Matrix auch eine polierende Wirkung. Je nach Herkunft des GBB (hier ist die Gesteinsschicht im Vorkommen gemeint), kann man sich die unterschiedliche Beschaffenheit und Anzahl der Granate durchaus nutzbar machen, der eine Stein ist schnell und hat eine hohe abbrassive Wirkung (gut zum Facette setzen), während der andere mit weniger Granaten zwar langsamer ist, dafür sehr gut polierende Wirkung hat.
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Bei den oft feierten, aber sehr viel härter gebundenen Ölsteinen können sich die Schleifpartikel, die in der Matrix viel fester gebunden sind, aufgrund ihrer Härte auch (gerad zu Anfang) negativ auswirken. Diese Partikel können z.b. sehr spitz und scharfkantig sein, dies kann ein sehr unschönes und bei weitem kein scharfes Ergebnis zur Folge haben. Um dies zu umgehen, wird der Stein z.B. nach einem Abrichten vor der neuerlichen Nutzung zuerst ,,eingebrochen", d.h. hier wird z.B. durch ein Stechbeitel (gehärteter Stahl) die Steinoberfläche eingeebnet, geglättet. Die vorher z.T. spitzen, scharfkantigen Partikel werden geglättet und die Oberfläche (Matrix) wird homogen. Nun wird auch das entstehende Schliffbild sehr viel feiner und das Endergebnis sehr viel schärfer sein.

Ich hoffe, ich konnte auch diesmal die Fragen beantworten.

Ich hoffe mal, ich liege mit meinen Darstellungen halbwegs richtig und habe mich nicht dabei um
Kopf und Kragen geschrieben... ;D

Danke und Gruß
Gregor
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