Die Rasur von Vater und Grossvater

Begonnen von geoshave, 31. Mai 2013, 13:01:41

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Südfilm

#15
Hier muss ich mich mal anschließen, wobei meine Erlebnisse in dieser Richtung recht fad sind. Mein Opa ist seit Jahrzehnten bekennender Elektrorasierer und hatte über die Jahre welche ich miterlebte verschiedenste Modelle, vowiegend Braun. Ich beginne hier mal in den späten 90er Jahren:

Er hatte einen ganz alten in weiß, mit einem Smaragdgrünen,festen Lederetui, das außen so schön glänzte, dieser war zu meiner Zeit schon nicht mehr in Betrieb. Ich fand den Rasierer als Kind toll und hab ihn in "meine" Sammlung im Terassenzimmer getan, irgendwann wurde er dann aber (aus heutiger Sicht jammerschade) weggeworfen, nur der Unterteil des Etuis hat in der Küche in der Papierschublade als Radiergummi-, Spitzer- und Stiftestummel-Aufbewahrungsbox überlebt.

Dann hatte er seinen "Ersatzrasierer", einen schwarzen Braun, der eher kurz und breit war und vermutlich aus den 80er Jahren stammte, dieser hatte ein weiches Schwarzes Lederetui und war schon bedeutend moderner als sein Vorgänger.

Sein aktiverer Rasierer war ebenfalls ein Braun, der war auch schwarz, dafür aber schmaler und länger, vermutlich aus den 90er Jahren, er sah dem alten nicht unähnlich und hatte auch ein weiches, schwarzes Lederetui.

Der nächste war, wenn ich mich recht erinnere, ein Privilleg in schwarz-silber, den er vermutlich Ende der 2000er erstand (2008 oder 2009?), selbiger war von recht kurzer Lebensdauer.

Darauf folgte wieder ein Braun (2012?) in schwarz, ob das der ist, den er immer noch hat, weiß ich leider nicht mehr.

Als Kind habe ich ihn oft beim Rasieren beobachtet, wie er seine Haut glattzog, damit keine stoppeln stehen blieben. Schon damals fragte er mich immer wieder, ob ich irgendwo ein langes, stehengebliebenes Barthaar sehen würde, im Fall des Falles ließ er es mich dann mit dem Langhaarschneider wegrasieren. Gerade das säubern des Rasierers fand ich faszinierend, ausklopfen, mit dem kleinen Pinselchen die Bartstoppeln ausbürsten, längs, quer, längs, quer... und dann einige Male mit körpereigener Druckluft ausgeblasen.

Rasierwasser oder Creme benutzte er nach dem Rasieren nie, seine "Rasierwässer" (oft EdT´s) waren nur zur Beduftung an Sonn- und Feiertagen da. War eins aufgebraucht, hatte er danach immer ein anderes. Das älteste an das ich mich erinnern kann war ein Aramis (AS in der 200ml Plastikflasche), er bekam sie immer geschenkt. Ein Lagerfeld, ein Joop... auch ein Declaré ASB war mal dabei. Letztes Jahr habe ich ihm zum Geburtstag ein Vogue As-EdT geschenkt, das es wohl auch schon länger nicht mehr gibt.

Zu seiner sonstigen Pfelgeroutine gehörten immer ein Birkenhaarwasser (vor meiner Zeit wahrscheinlich ein Birkin, als ich dann da war meist das von Schlecker, welches vermutlich von Heinrich Hagner hergestellt wurde) und die Brisk Frisiercreme. Das ist auch immer noch so, nur dass das Birkenwasser mittlerweile von dm ist.

An dieser seiner morgentlichen Routine hat sich in den letzten 30 Jahren kaum etwas verändern und wird es sich wohl auch nicht mehr. Er besaß nebenbei bemerkt einen alten Gillette Tech Hobel (den kleinen aus den 50ern mit dem Alugriff) den er aber nie benutzte, sowie 2 Rasierpinsel, all das stammte noch von seinem Vater, welcher Ende der 70er Jahre verstarb. Diese Teile sind seit einigen Jahren in meinem Besitz.

Gerade erinnere ich mich noch, wie er mir als Kind davon erzählte, seinem Vater beim Rasieren zugesehen zu haben, als er noch ein Kind war. Mein Uropa war ein Nassrasierer, der mit dem Pinsel aufschäumte und dabei, hin und wieder, seinem manchmal allzu fasziniert zusehenden Sohn zum Spaß, blitzschnell, mit dem schaumigen Pinsel übers Gesicht fuhr, was meinen Opa heute noch zum Lachen bringt, wenn er es erzählt :D

Da ich praktisch gesprochen nie einen Vater hatte kann ich sonst nur noch ergänzen, dass sich mein Stiefvater seinerzeit immer mit Palmolive Rasiercreme, welche er unaufgeschäumt einfach mit den Händen im nassen Gesicht verteilte, und dem schwarzen Wilkinson Plastikhobel nass rasierte.

Das wars an Rasur-Erinnerungen von meiner Seite, alles sehr unspektakulär und ganz anders als der Weg der klassischen Nassrasur mit Seifenstick, Pinsel, Hobel und Rasierwasser, den ich vor 6 Jahren eingeschlagen habe ;)

Lu-Ku

Bin gerade mal wieder dank Südfilm über diesen thread gestolpert und kann mich noch sehr gut daran erinnern, damals darauf geantwortet zu haben.
Und wieder kommen diese Gedanken hoch, die Erinnerungen, bloß 13 Jahre später...
Meine Eltern waren mit 40 nicht mehr die allerjüngsten, als meine Zwillingsschwester und ich geboren wurden, wir waren nicht erwünscht, umso mehr geliebt, die Eltern wollten 15 Jahre nach dem Krieg leben, das Leben genießen, verreisen, konsumieren, wirtschaftlich ging es ja Dank Wirtsschaftswunder gerade wieder aufwärts. Meine Mutter hatte 1945 mit 25 bei Kriegsende schon Mann und Kinder verloren, mein Vater hatte es geschafft, sich durchzuwuseln und -schlawinern und nicht einen Tag in Kriegsgefangenschaft zu sein.
1946 kennengelernt, haben sie 1949 im Mai am Tag des Endes der Berlin-Blockade durch die Sowjets geheiratet, was aber Zufall war, 1951 kam mein Bruder, und ja, 1960 dann die Zwillinge, was bis zur Geburt meiner Schwester nicht klar war (damals gab es ja kein Ultraschall), was meinen Vater anfangs ziemlich verzweifeln ließ, später war sie sein Ein-und-Alles.
Ich fand es als kleiner Junge immer spannend und aufregend, wenn befreundete Pärchen bei uns zu Besuch waren, was ziemlich oft der Fall war, und mich heute im Rückblick daran zweifeln lässt, dass meine Generation genauso gut feiern kann wie die meiner Eltern.
Die Frauen verschwanden dann meist in der Küche, die Männer in einer Ecke des Wohnzimmers, Zigarette (Ernte 23, Peter Stuyvesant, HB und Astor, wer erinnert sich?) Asbach Uralt oder Dujardin (die Frauen tranken Mampe halb & halb), bei den Gesprächen ging es eigentlich immer um das, was mich auch heute noch interessiert: Autos, Motorräder, Uhren, Fotografie, Waffen, Frauen, Rasur (nass oder trocken, und wenn, dann wie und womit..), die Reihenfolge ist random, wie man heute so sagt  ;D eben so Männerkram...
Worauf will ich denn nun hinaus? Ganz einfach: Verglichen mit der Generation meiner Eltern geht es uns heute materiell unglaublich gut. Mein Vater hatte sicherlich keinen schlechten Job, er war Jahrzehnte Abteilungsleiter der Frachtabteilung der amerikanischen Fluggesellschaft Pan American in Berlin, hat gut verdient, die Mutter Hausfrau, drei Kinder, Reihenhaus mit Garten zur Miete, Geld für Klavierunterricht, für Gitarre und Klarinette war immer da, einmal im Jahr ein immer 4-wöchiger Sommerurlaub, ansonsten der Wohlstand eher bescheiden, mein Vater hat sein Leben lang nur von einem Motorrad geträumt, den Führerschein hatte er beim Kommiss gemacht, auch für LKW, eine Uhr, obwohl Uhren und deren Faszination immer ein Thema waren, Autos immer gebraucht gekauft, ebenso wie die Rolleiflex 6x6, für 50.- DM von einem Fotojournalisten, erst sehr viel später kam eine alte Sucher-Leica dazu, 5omm Summicron, 35mm und 90 mm Elmar, alles zusammen für 200.- DM gebraucht gekauft, für mehr war kein Geld da. Wohl aber die fast viertausend D-Mark für das Klavier meiner Schwester, oder der Zuschuss für meine KLarinette von über tausend Mark, Anfang der Siebziger war das richtig viel Geld!

Ein einziger Rasierer (Gilette Parat) in jahrzehntelangem Gebrauch, 1 Borstenpinsel, eine Rasierseife, 1 Rasierwasser, später kam dann auch mal ein EdT dazu...
Verglichen mit heute muss einem das alles ziemlich armselig vorkommen, und verglichen mit der Generation meiner Großeltern hatten die ja noch viel weniger...!
Trotz allem hat sich mein Vater stets mit großem Vergnügen und sehr regelmäßig rasiert, daran kann ich mich gut erinnern.
Sind wir nun heute besser dran? Besser dran auf jeden Fall!
Glücklicher?
Dieses Hadern und Jammern um mich herum geht mir sowas von auf den Zeiger!
Dieses Schimpfen und Meckern, diese Mißgunst, dieser Neid, und auch dieser Geiz!
Irgendwie haben viele meiner Zeitgenossen das Glücklichsein verlernt, so scheint mir, obwohl sie doch alle allen Grund dazu hätten.
Offenbar gewöhnt man sich zu schnell an diesen materiellen Überfluss, statt ihn zu genießen. Und zu teilen;-)
Oder sehe ich das alles falsch? Einseitig? Übertrieben? Das würde mich freuen!




Das schönste aller Geheimnisse: ein Genie zu sein und es als einziger zu wissen. (Mark Twain)

Südfilm

@Lu-Ku:

Ein sehr schöner Text, den ich mit Freuden gelesen habe! Viel ist dem nicht hinbeizufügen, außer, dass ich zustimme. Ach ja, den genannten Zigarettenmarken (Außer Astor, die es nicht mehr gibt) kann ich auch durchaus was abgewinnen ab und an, wenn sie auch nicht mehr ansatzweise das sind, was sie früher gewesen sein müssen, und ich welche vom Format einer Gauloises Brunes, Gitanes, Reval oder Roth-Händle (allesamt ohne Filter) bevorzuge, wenn auch insgesamt nur gelegentlich  :o  ;D
Und ich persönlich bin definitiv nicht glücklicher, je mehr Rasierzeugs, Fotoapparate und (in meinem Fall) Oldtimer Rasenmäher ich besitze. Das ist nicht von materiellen Dingen abhängig, solang die Grundbedürfnisse stimmen, ich gesund bin, ein ordentliches Dach über dem Kopf hab, genug zu essen bekomme, meinen Beruf ausüben und in einem Land, in dem Frieden herrscht, leben kann.

Tim Buktu

Von meinen Großvätern kann ich nur wenig berichten. Derjenige mütterlicherseits ist verstorben als ich 1966 grade mal 1 1/2 Jahre alt war. Erinnern kann ich mich an ihn nur aus Erzählungen meiner Oma und von sehr wenigen Bildern zusammen mit mir als er schon sehr krank war. Rasur war im Zusammenhang mit ihm nie ein Thema. Allerdings kann ich mich noch gut daran erinnern, dass meine Oma mütterlicherseits, bei der ich als Kind oft auch über Nacht war, mich zur morgendlichen Wäsche im Winter in der vom Holzofen schön wohligwarmen Küche (ein Bad gab es in der Wohnung nicht, nur ein Gemeinschaftsbad im Soutterain) auf ein Handtuch auf dem Spülstein setzte und gewaschen hat. In der Regel wurde eine Seife der Firma Hepp aus Mengen genutzt. Die Firma gibt es noch:  https://hepp-direkt.de
Selten wurde dann auch einmal eine der kleinen Seifenstücke von Speick genutzt. Die waren für mein Oma ein Luxusprodukt. Deshalb liebe ich diese Seife auch sehr. Das Wasser wurde auf dem Holzherd warm gemacht und in eine Emaille-Schüssel gefüllt. Ein Warmwasserhahn war nicht vorhanden.

Meinen Großvater väterlicherseits habe ich im Verlauf meines Lebens 3 mal gesehen. Die Großeltern habe sich schon vor meiner Geburt getrennt. Er wohnte in einer Sozialwohnung, damals noch "Armenhaus" genannt. Auch in Bezug auf ihn war Rasur verständlicherweise kein Thema.
Mein Vater rasierte sich bis kurz vor seinem Lebensende elektrisch. Lange Jahre, im Wechsel mit Braun (Sixtant 6006) und Phillips. Seinen letzten Phillips habe ich noch und rasiere mich auch gelegentlich damit. Als Rasierwasser hat er so lange ich denken kann immer Tabac Original genutzt.

Ca. 2 Jahre vor seinem Tod habe ich ihm einen Merkur Progress geschenkt, den er wohl kaum benutzte. Allerdings sollte ich ihn, da lag er schon im Pflegebett, in seinen letzten Tagen mit dem Progress rasieren. Das war eine recht herausfordernde Aufgabe, da er schon extrem abgemagert und die Haut sehr faltig war. Die Haut zu spannen war eine fast nicht zu bewältigende Aufgabe und das Ergebnis auch entsprechend blutig. Als ich ihm dann den Spiegel vorhielt meint er nur er hätte sich eigentlich nur gewünscht dass die Barthaare entfernt würden, das sei ja gelungen. Allerdings mitsamt der Haut.  :-[  Seinen Humor hat er bis zuletzt Minute nicht verloren.
Tranquilo - In der Ruhe liegt die Kraft...

PS: Alles nur meine persönliche Meinung, die sich durchaus beeinflussen lässt und sich deshalb gelegentlich auch ändert!