Warum sind Hobel aus Edelstahl so hochpreisig?

Begonnen von der_kleine_nick, 05. Februar 2013, 11:52:49

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der_kleine_nick

Bitte nicht auslachen, ich weiß wirklich nicht, warum das so ist.

Noch dazu wenn man sich vor Augen führt, dass einem zum Beispiel Kochgeschirr aus Edelstahl für einen Pappenstiel nachgeschmissen wird...

LG,
Nick
Besser nass rasiert, als rass nasiert.

Rockabillyhelge

Meines Erachtens weil sie a. in Mode und b. es nicht viele Leute gibt die sie Bauen, bzw. das notwendige Know How und eine CNC-Fräse haben,
zudem bedarf eines eines gewissen Grundkapitals da das Marktsegment der Rasierhobel doch recht überschaubar ist.
Geht man vom reinen Materialwert aus dürfte ein solcher Hobel nur unwesentlich mehr als einer aus Zinkdruckguss (Beschichtung bereits berücksichtigt) kosten, das sich Edelstahl jedoch bisweilen schwerer bearbeiten lässt kommt beim Arbeitslohn/Maschinenverschleiß noch was drauf, ebenso bei Politur und ggf. Verzierung (wobei Laserbeschriftungen schon fast lächerlich preiswert sind, die Rändelung bei Edelstahl aber nicht ohne ist) und damit man keinen Verlust einfährt eine Gewinnabsicht von 35-40% des Herstellungspreises.
Ob so mancher hohe Preis gerechtfertigt ist (z.B. aus Marktstrategischen oder Werbewirksamen Gründen), da mag man drüber streiten und ich werd mich auch tunlichst zurückhalten Marken zu nenen, einen Materialbedingten Mehraufwand hat man aber bei Edelstahl immer, was aber wie gesagt IMHO nur eine bestimmte Preissteigerungsspanne rechtfertigt.
Auch mit Bart immer gut rasiert :)

der_kleine_nick

Vielen Dank für die einleuchtenden Erklärungen! :)

LG
Besser nass rasiert, als rass nasiert.

Rockabillyhelge

Vorsicht, erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit!!  ;D ;)
Auch mit Bart immer gut rasiert :)

Frank OZ

Prima Erklärung, Rockabillyhelge!

Dies nur als ergänzende Vermutung zu dem rein sachlich kaum zu rechtfertigenden Preisunterschied: Der hohe Preis kommt wahrscheinlich daher, dass ein Edelstahlhobel ohne Schwund für die Ewigkeit gemacht zu sein scheint. Reines Metall, keine Beschichtung: So ein Gerät hält jedenfalls weit über unsere Lebenserwartung hinaus, ist ein Relikt für die grünen Männchen von der anderen Seite der Galaxis, die diesen Planet dereinst besuchen werden. Das könnte theoretisch zwar auch auf Aluminium zutreffen, aber rostfreier Stahl verfügt natürlich über ein ganz anderes Gewicht.

Piraten-Papa

Zitat von: Frank OZ am 05. Februar 2013, 19:25:19
Das könnte theoretisch zwar auch auf Aluminium zutreffen, aber rostfreier Stahl verfügt natürlich über ein ganz anderes Gewicht.

Uuuuund außerdem klingt "stainless steel razor" doch viel cooler als "Alu-Hobelchen".  ;D

mafisch

Zinkdruckguss oder Aluminiumdruckguss sind halt viel billiger herzustellen. Und das merkt man auch, wenn die Verchromung abplatzt oder der Hobel die Zinkpest bekommt.

Stellar

Viele Leute sind ja auch auf Zink(legierungen) allergisch.
Somit sind die stainless steel sozusagen medizinisch und anti-allergisch. Dafür muss man schon einen höheren Preis verlangen. :P
Eine stainless steel Klinge ist ja auch teurer als eine normale, rostende.







Obiges bitte nur mässig Ernst nehmen >D >D !


Der Pils stainless zum Beispiel ist so teuer, weil er Pils heisst. (Namen kann durch andere Hersteller ersetzt werden.)

Frank OZ

Zitat von: Piraten-Papa am 05. Februar 2013, 19:31:41
Zitat von: Frank OZ am 05. Februar 2013, 19:25:19
Das könnte theoretisch zwar auch auf Aluminium zutreffen, aber rostfreier Stahl verfügt natürlich über ein ganz anderes Gewicht.

Uuuuund außerdem klingt "stainless steel razor" doch viel cooler als "Alu-Hobelchen".  ;D
Ja, so ist das im wirklichen Leben. Aber jetzt mal so, so ganz, ganz langsam von der Zunge gerollt: Ra-so-io Allu-min-io. Und etwas schneller: Rasoio Alluminio! ...

... Ra Ra Ra Ra – Ja!
So o, so i, so o – so oh lala ...
Allu, allu, allu ... Du, du, oh Du Mini
Mini, mini, mini – Oh oh oh oh...

OK, schon gut.

Stainless steel – Pah!

Standlinie

Ich möchte Euch einmal ein paar Vergleichsdaten für die Produktion von Edelstahlhobeln und sonstigen traditionellen Hobeln nennen.


Werkstoff:          Ausgangsmaterial:        Werkstoffbearbeitung mit:        Werkstofbearbeitung durch:                      Oberflächenversiegelung:       

Zinkdruckguss     Gussteil                      Feile, Schmirgel, Polierscheibe     viele händische Arbeitsschritte                  ja, i.d.R. durch Verchromen
Messing             Guss- oder Stanzteil      Feile, Schmirgel, Polierscheibe     viele händische Arbeitsschritte                  ja, i.d.R. durch Verchromen
Stahl                 Guss- oder Stanzteil      Feile, Schmirgel, Polierscheibe     viele händische Arbeitsschritte                  ja, i.d.R. durch Verchromen
Edelstahl            Guss- oder Stanzteil,     CNC-Bearbeitung                      fast ausschließliche Maschinenbearbeitung   nein, nur Polieren
                        Band- und Stangenmaterial

Bei der traditionellen Hobelherstellung werden viele Einzelteile preiswert vorgefertigt, zum Beispiel durch Blechausstanzen (Klingenauflageplatte). Vielfach werden die Klingenauflage- und Kopfplatte auch nur als Gussteil gefertigt. Dann gibt es noch das Rundmaterial für die Griffherstellung. Alle so vorgefertigten Einzelteile müssen nach diesem Fertigungsschritt gereinigt, entgratet und poliert werden. Gewinde sind zu schneiden (Maschine), vielleicht fallen noch einige kleinere Schmirgel und Fräsarbeiten an. Im Anschluss wird die Oberfläche sämtlicher Einzelteile behandelt. Meist ist dies die Verchromung; früher wurde auch einfach nur vernickelt. Chrombäder sind wegen der hohen Umweltauflagen teuer. Insgesamt betrachtet fällt viel manuelle Arbeit an, die von Menschen ausgeführt wird. Damit kostet jeder Hobel bis an etwa 10 € in der Herstellung. Kompliziertere Hobel (verstellbare Hobel) kosten entsprechend mehr.

Und nun der Edelstahlhobel. Hier gibt es auch zwei Hobelmodelle: Bei dem einen Hobelmodell - ich nehme als Beispiel den Urtyp des Ikon OC oder den aktuellen Weberhobel - sind viele Teile bereits vorgefertigt. Kopf- und Klingenauflageplatte waren/sind Gussteile, der Griff einfaches Stangenmaterial. Diese Teile wurden dann zum Teil von Hand, sonst überwiegend maschinell (CNC) bearbeitet. Beim Weberhobel kommt nur noch die maschinelle Bearbeitung zum Einsatz. Das rostträge Verhalten des Edelstahls schließt eine weitere kostenintensivere Oberflächenbehandlung durch Verchromen aus. Fertig.

Beim zweiten Edelstahlhobeltyp erfolgt die Herstellung ausschließlich über CNC-Maschinen. Hierbei wird die Maschine mit Bandstahl und mit Stangenmaterial gefüttert. Von Zeit zu Zeit werden Bearbeitungswerkzeuge und das Schneidöl ausgewechselt. Hinten kommen dann die fertigen Hobelteile heraus, die allenfalls noch nachgearbeitet werden müssen. Mehr nicht. Typische Hobel dafür sind der Pils- und Featherhobel, der Tradere und die aktuellen Ikonhobelmodelle.
Das teuerste bei dieser Hobelherstellung ist die Maschinenbeschaffung und Pflege und die Kontrolle der einzuhaltenden Tolleranzen.
Für den herzustellenden Hobel werden Datensätze (z.B. Hobeldaten) in den Computer der CNC-Maschine eingelesen und von einem Konvertierungsprogramm so umgewandelt, dass die Maschine jeden einzelnen Arbeitsschritt ausführen kann. Fertig.

Edelstahl oder einfach vergüteter Stahl ist heute ein Massenerzeugnis und dementsprechend relativ preiswert. Maschinenbearbeitung ersetzt zunehmend den Einsatz des Menschen. Eine Oberflächenbehandlund durch Verchromen entfällt auch.

Edelstahlhobel werden heute überwiegend von sehr kleinen Betrieben hergestellt. Die Personalstärke liegt meines Wissens nach nicht über 10 Personen.
Die Einzelteile der Nichedelstahlhobel werden meist von Betrieben mit wesentlich größerer Personalstärke hergestellt. Andere Betriebe lassen auch lohnfertigen und führen nur noch die Endbearbeitung durch (z.B. Mühle und EJ). In anderen europäischen Betrieben wird es sicherlich ähnlich aussehen. Und in Indien, Pakistan und China gibt es genug Arbeitskräfte, die alle noch preiswert mit den Händen arbeiten.

Die eigentlichen Produktionskosten für einen Hobel sind gering und betragen maximal 50 % des Verkaufspreises. Alles was zwischen den Produktionskosten und dem Endverkaufspreis liegt, erwirtschaftet der Zwischenhandel.   

Die Nachhaltigkeit einer gründlichen Nassrasur zeigt sich 24 Stunden später an nur gering und gleichmäßig nachgewachsenen Bartstoppeln.

getz

Egal, was die Herstellungskosten sind: der Preis bestimmt sich durch Angebot und Nachfrage. Wenn der Markt nicht bereit ist, den Preis zu bezahlen ist es egal was die Herstellung kostet. Umgekehrt, wenn die Nachfrage hoch ist, kann billigste Herstellung zu teueren Verkaufspreisen führen, wie man an vielen Modeprodukten sehen kann.

Bart2005

Aus meiner Sicht könnte der Materialpreis durchaus eine Rolle spielen. Der Edelstahlpreis kann ohne Weiteres
das vierfache des Preises von Wald-und-Wiesen Stahl betragen. Und Guss ist bei entsprechend einmal vorliegender
Gussform auch wesentlich günstiger. Natürlich alles abhängig von der genauen jeweiligen Materialspezifikation.
Die relativ geringen Stückzahlen der Fertigung, auch oder gerade im Vergleich zum Kochgeschirr, machen unsere schönen Hobel
in der Produktion sicherlich nicht gerade günstiger. Die Investition in eine CNC Dreh- / Fräßmaschine rundet das Preisbild
für mich ab, sofern nicht auch andere Edelstahlprodukte darauf laufen.