gut-rasiert
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News: Achtung: Rasiermesser Sammlung gestohlen


 
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Autor Thema: Infothread: Traditionelle chinesische Rasiermesser  (Gelesen 1106 mal)
Rockabillyhelge
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Beiträge: 4.947


NOS-Hunter, aka. Jäger des verlorenen Schatzes


« am: 21. November 2015, 20:16:27 »

Während der Recherche nach Informationen über japanische Rasiermesser bin ich des Öfteren auf eine Art von Rasiermesser gestossen die in
den meisten Internetauktionshäusern als "Civil War Razor" deklariert wird aber mit dem amerikanischen Bürgerkrieg mit viel Wohlwollen allenfalls
die Zeit gemeinsam hat.
Es handelt sich hierbei um traditionelle chinesische Rasiermesser, einfache, häufig eher abfällig bewertete Klingen (vornehmlich in amerikanischen
Foren) die vielleicht optisch nicht herausragend aber in sich eine vergleichbare hohe Entwicklungsstufe innehaben wie wir es von anderen Messern
vor der Verbreitung des Hohlschliffes kennen.

Geschichtliches

Über die eigentlich Geschichte, ab wann sie benutzt wurden, welchen kulturellen Stellenwert sie eingenommen haben oder welche Herstellungstechnik
ihnen zu Grunde liegt konnte ich leider noch nichts wirkliches in Erfahrung bringen, es bleiben Indizien und Schlüsse welche sich aus dem Messer selbst
ergeben.
Zuerst aber eine kleine geschichtliche Einordnung.
Die Bezeichnung Civil War Razor rührt in Nordamerika wahrscheinlich aus der Vermutung her, das diesen einfachen Klingen der materiellen Notstand
der Südstaaten zu Grunde liegt, eine Vermutung die sich angenehm mit gängigen Stereotypen verbinden lässt aber gerade angesichts der starken
Handelsbeziehungen zu England unlogisch erscheint, zumal viele einfache 1$ Razors von Herstellern aus dem Gebiet der ehemaligen Südstaaten ihre
ganz eigene Sprache sprechen und sich ins letzte Drittel des 19.Jh. datieren lassen.
Die meisten chinesischen Rasiermesser finden sich erstaunlicherweise in den USA, wo in Foren des Öfteren schon vermutet wurde das es sich um
chinesische Messer handelt, allerdings meist mit einer sehr negative Konotation bezogen auf billige Importprodukte.
Meines Erachtens handelt es sich bei diesen Messer zwar um einfache, aber keineswegs zum Export aus China gedachten Messern, sondern Klingen
die optisch wie technisch den Charakter eines Alltagswerkzeuges bewahrt haben und ggf. vor Ort, in lokalen Schmieden und Werkstätten hergestellt wurden.
Die Verbreitung gerade in Nordamerika könnte schlüssiger nicht sein, bedenkt man die intesiven Einwanderungswellen von chinesischen Arbeitern
ab ca. Mitte des 19. Jh. (https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Chinesen_in_den_Vereinigten_Staaten), die traditionelle Verbundenheit
mit der Heimat (die sich u.a. in der Verwendung traditioneller Kleidung sowie traditioneller Frisuren, allenvoran des Zopfes zeigt) legen gepaart mit einer
sehr schleppenden, teils von den Amerikanern ungewollten Assimilation auch die Verwendung traditioneller Werkzeuge nahe.
Ausschlaggebend für die Identifikation dieser Messer als traditionelle chinesische Rasiermesser war im übrigen diese Photographie welche die Verwendung
solcher Messer mindestens auf das Jahr 1902 bezeugt:



Link zum Originalpic wie in der Lizenz gefordert: https://www.flickr.com/photos/okinawa-soba/3511299508
Flickr Richtlinien zum Einbinden von auf Flickr gehosteten Bildern auf fremden Websites: https://www.flickr.com/help/guidelines

Über weitere geschichtliche Einzelheiten konnte ich leider noch nichts in Erfahrung bringen, es bleiben wie es leider schon bei den Kamisoris ist alljene
Probleme die Sprachbarrieren und die wahrscheinlich eher mangelhafte Dokumentation über "Alltagsgeräte" verursachen, ich würde mich trotzdem freuen wenn
der ein oder andere noch ein paar Infos hat.

Technisches

Vorab ein paar Bilder  Smiley













Wie zu sehen handelt es sich bei diesem Messer um ein sehr einfach gestaltetes Klappmesser, nicht unähnlich den uns aus dem europäischen Mittelalter bekannten Messern aber durchaus mit den technischen Merkmalen moderner Rasiermesser, was man aber anhand der sehr einfache Machart durchaus übersehen kann.
Die Klinge besteht aus gehärtetem Stahl, vom Schleifverhalten (das Schleifen an sich war ein kleines Abenteuer) ähnelt er eher europäischem Silberstahl als der Art Stahl die ich bei den meisten Kamisoris kennengelernt habe, auch wenn der Ursprung der Kamisoris in China verortet wird.
Die chinesische Schmiedekunst steht häufig im Schatten seiner kleineren Nachbarn Japan, etwas zu unrecht wenn man bedenkt das ein maßgeblicher Teil des technischen Inputs in der Stahlver- & bearbeitung wahrscheinlich aus China und Korea nach Japan kamen, so ist z.B. das Laminieren von Stahl wie wir es von japanischen Hocho oder Schwertern kennen auch schon im chinesischen Mittelalter bekannt & genutzt worden.
Wie zu sehen handelt es sich um ein Wedge, allerdings veraten die leichten Kanten zum Erl hin auch das hier bereits geschliffen wurde, vermutlich um das Schleifen zu vereinfachen wurden die Seiten minimal geholt, ähnlich wie dies bei englischen & französischen Wedges meist gemacht wurde.
Der Rücken ist leider recht grob gearbeitet, die Rückekanten definieren schon einen Rasurwinkel zur Facette hin der dem moderner Wedges entspricht, leider erschwerte die grobe Verarbeitung hier den Schliff durch pures Auflegen auf dem Stein.
Der Verschluss (sofern man von Verschluss reden kann) würde heute wahrscheinlich als Friction Lock bezeichnet werden würde ist vollkommen analog zu dem Verschluss eine Opinel (Opinels der älteren Form besassen keinen Ringverschluss) und ist mit Messing/Bronze ummantelt, durch Schwund des verwendeten Holzes hält die Klinge allerdings nicht mehr press im Heft wenn sie geöffnet ist. Im geschlossenen Zustand ist das Heft derart geschlitzt das die Schneide nicht das Holz berührt.

Von der Form her konnte ich bisher drei Formen finden, jenes welches auf den obigen Bildern gezeigt ist und einem einfachen Wedge ähnelt, jenes welches auf dem obersten Bild aus dem Jahre 1902 gezeigt ist und einem Feaux-Frameback ähnelt (es besitzt eine eher dünne Klinge mit einem wulstartigen, den Schliffwinkel definierenden Rücken) sowie einer Form die einem echten Frameback mit eingesetzter Klinge folgt.
Die Ausgestaltung ist bei allen Messern die ich gefunden habe gleich, bedingt durch den Verfall des Kaiserreiches ab dem Beginn des 19.Jh. und der sinkenden Qualität chinesischer Konsumgüter (wie u.a. beim Porzelan bezeugt) vermute ich aber das es in vorherigen Zeiten oder in besser situierten Gesellschaftschichten ggf. auch feiner
ausgestaltete Messer gegeben hat.

Reparatur des Verschlusses am gezeigten Messer

Als ich obiges Messer bekommen habe war der Verschluss durch zu weites Aufklappen eingerissen, für die Rasur vielleicht nicht unpraktisch aber im mir wichtigen historischen Kontext unpassen habe ich es daher repariert, der Ausgangszustand sah so aus:



Durch Zufall hatte ich noch eine Patronenhülse in 9mm welche ich einmal im Wald gefunden hatte und die sich zur Nutzung am Messer zweckenfremden lies.
Ein Stückchen mit dem Dremel passen ausgeschnitten und e voila, eine Spaltüberbrückung war gefunden.



Nach kleben mittels 2k Uhu Endfest denke ich kann ich mich nun wieder sicher damit rasieren, zumindest ein-zweimal um mir ein Urteil über diese Messer (bei denen ich fast vermute das sie noch weniger zur Selbstrasur gedacht waren/sind als Kamisoris  Grinsend).





Der Artikel kann von allen mit Informationen angefüllt werden die noch Informationen haben und folgt nicht dem Muster wie der Infothread zu den japanischen Rasiermessern, da hier weniger Aktivität zu erwarten wäre/ist.


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Dorsalus d.Ä. sprach: Auch ein schöner Rücken kann Entzücken :-)
nero
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Beiträge: 572



« Antworten #1 am: 22. November 2015, 02:47:08 »

Ein sehr interessanter und informativer Beitrag, danke dafür!

Ich habe nebenbei etwas flüchtig recherchiert und einige dieser Messer in chinesischen Tauschbörsen gefunden.
Häufig werden sie dabei als "Rasiermesser der Qing-Dynastie"* bezeichnet, zumindest sagt das der Google Übersetzer.
Weiterhin bin ich dabei auf Bilder gestoßen, die Friseure/Barbiere zeigen, die Kopfrasuren durchführen.
So wurde es wohl schon zu Beginn der Qing Dynastie (unter Androhung der Todesstrafe) Pflicht einen mandschurischen Zopf (ca. 1645) zu tragen, offenbar war dabei nur der Hinterkopf behaart,
während der Rest des Kopfes rasiert wurde.
Meine Vermutung ist, dass diese Messer, durch die Zopf-Pflicht einen Aufschwung erlebten und deshalb u.a. als "Rasiermesser der Qing-Dynastie" bezeichnet werden.
Dabei haben sie sich wohl über viele Jahre als Werkzeug des Barbiers durchgesetzt.

Aber wie gesagt nur Vermutungen.

*(https://www.google.de/?gws_rd=ssl#q=%E6%B8%85%E4%BB%A3%E5%89%83%E5%88%80)
« Letzte Änderung: 22. November 2015, 02:52:12 von nero » Gespeichert

Löppt!
efsk
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Beiträge: 866



« Antworten #2 am: 22. November 2015, 14:55:09 »

Vielen Dank für diesen informatieven und interessanten Beitrag.
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Verzeih mir mein Deutsch. Ich bin ein Holländer.
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